Ich benutze seit ein paar Tagen Mozilla Labs Prism, finde es sehr nützlich und möchte hier gerne meine ersten Erfahrungen weitergeben. Das Tool selbst gibt es schon länger, es ist aber gerade erst in einer neuen Version rausgekommen, da ist ein Blogartikel doch angebracht.
Worum gehts? Liste persönlicher Webanwendungen wächst
Wer heutzutage viel im Internet aktiv ist, benutzt überlicherweise eine Vielzahl unterschiedlicher Webanwendungen für verschiedene Zwecke, sei es Facebook, XING, Twitter, Google Docs, der eigene Blog oder irgendeine andere Anwendung, die man regelmäßig nutzt. Die Liste potenzieller Kandidaten ist individuell, aber fast immer lang und wird ständig länger.
Oft ist es sogar so, dass man einige solcher Anwendungen gar ständig offen halten möchte, weil man immer wieder im Laufe des Tages damit arbeitet. Der schnelle Zugriff auf diese Applikationen im Web ist inzwischen mindestens ebenso wichtig wie der auf lokale Applikationen auf dem eigenen Desktop.
Browserfenster können nerven
Wäre es da nicht wünschenswert, wenn man die am häufigsten genutzten Webanwendungen einfach genauso wie lokale Desktopanwendungen behandeln könnte? Natürlich, man kann sich ohne Weiteres URL-Verknüpfungen auf dem Desktop anlegen oder für jede Webapplikation eine eigene Browserinstanz starten oder anderweitig rumtricksen und z.B. irgendwelche selbst geschaffene Verhaltsstrategien anwenden - ich habe da schon viel gesehen (und selbst ausprobiert).
Aber trotzdem fühlen sich Anwendungen im Browser halt doch immer ein wenig anders an und fügen sich z.B. auch nicht so gut in das Fenster- und Taskmanagement von Windows ein. So fassen Windows 7 oder Windows Vista z.B. in der Standardeinstellung bekanntlich alle Fenster einer Software in einer Gruppe in der Taskleiste zusammen. Eigentlich ein sinnvolles (und abschaltbares) Feature, aber gerne möchte man nur einzelne Fenster aus diesem Verbund loslösen. Ich z.B. verliere regelmäßig den Überblick über die ganzen geöffnen Firefox-Fenster und -Seiten. Nicht selten passiert es, dass ich nach dem versehentlichen Schließen der "falschen" Firefox-Instanz alle "wichtigen" Webanwendungen neu öffnen darf. Kommt das der einen oder dem anderen vielleicht bekannt vor?
Lösung: Mozilla Prism zusammen mit Firefox
Schon vor einem Jahr hörte ich erstmals davon, dass die Leute bei Mozilla Labs an einem kleinen Projekt namens Prism arbeiten. Hierbei handelt es sich um eine kleine, handliche, aber eigenständige Applikation, mit der es möglich ist, Websites losgelöst vom eigentichen Browserfenster z.B. direkt vom Desktop, aus dem Startmenü oder der Schnellstartleiste in einer aus Anwendersicht eigenen logischen Instanz zu starten: eigenes Fenster, eigenes Icon, eigener Taskleisteneintrag.
Prism arbeitet unter der Oberfläche auf Basis von Firefox, so dass ein installierter Firefox Voraussetzung für die Nutzung von Prism ist.
Die Verwendung von Prism ist denkbar einfach, die Anwendung besteht nur aus einem einzigen Dialogfenster:

Im Wesentlichen gibt man einfach nur die URL der Webanwendung an, die man via Prism starten möchte, vergibt einen Namen für die Verknpüfung und stellt ein paar selbsterklärende Parameter ein. Als Anwendungssymbol wird standardmäßig praktischerweise gleich das Favicon genommen, welches unter der URL für die Site hinterlegt ist. Nach dem Klick auf "OK" legt Prism dann an den gewünschten Orten einfach eine speziell präparierte Verknüpfung mit dem entsprechenden Symbol ab.
Hier habe ich einmal die von mir oft genutzt Twitter-Applikation HootSuite für Demonstationszwecke direkt auf den Desktop gelegt:

HootSuite startet in diesem Beispiel jetzt beim Anwählen des Symbols unmittelbar, lässt sich nun mit einem eigenen Tastaturkürzel versehen und wird von Windows 7 oder Windows Vista auch nicht mehr mit anderen Firefox-Fenstern zusammen gruppiert, was der Sonderstellung als Anwendung gerecht wird:

Features
Mozilla Labs Prism hat noch ein paar weitere Features, die ich hier nur nennen, aber nicht weiter darauf eingehen möchte:
- Möglichkeit, die Anwendung beim Minimieren in die Traybar zu verschieben (das ist der Bereich der Desktopbenachrichtigungssymbole neben der Uhr in der Windows-Taskleiste)
- Benachrichtigungen von Webanwendungen können als kleines Pop-Up-Symbol der Traybar erscheinen (z.B. bei Eingang einer neuen Mail bei Google Mail oder dergleichen)
- Möglichkeit, Webapplikationen automatisch mit dem Hochfahren des PCs zu starten (über das Autostart-Feature von Windows)
- Einfaches "Löschen" einer Webanwendung durch simples Entfernen der Verknpüfung. Es ist nichts weiter zu tun.
- Über spezielle Konfigurationsdateien kann man optional die Gestaltung und das Verhalten der mit Prism erzeugten Anwendungen individualisieren und so den Charakter als eigenständige Anwendung auf dem Client verstärken (z.B. eigene CSS-Overrides je nach Betriebssystem).
- Möglichkeit, eigene Scripts zu integrieren (z.B. für automatisches Login oder dergleichen).
- Unterstützung von OS X (von mir aber nicht getestet)
Bewertung und Fazit
Ich habe nach so einem Tool schon lange gesucht und bin daher sehr froh, endlich ein paar Webanwendungen losgelöst vom Browserfenster handhaben zu können. Wem es ähnlich geht wie mir, der wird sicher auch seine Freude an Prism haben. Sehr gut gefallen hat mir auch die Tatsache, dass Prism überhaupt gar keine Installation im klassischen Sinne benötigt: einfach die Archivdatei entpacken, den Inhalt in einem beliebigen Ordner ablegen, die EXE-Datei starten und das war es. Nur Firefox muss wie gesagt bereits vorher vorhanden sein.
Negativ ist zu erwähnen, dass die Webanwendungen welche über Prism gestartet werden, nicht über alle Features und Plug-Ins von Firefox verfügen, auch wenn es sich um die gleiche Engine handelt. Mein Add-On für Mausgesten vermisse ich z.B. schon. Aber man sollte Prism ja auch nicht zum normalen Surfen benutzen, sondern nur für ausgewählte Sites. Und da kann man sowas für mehr Komfort beim Fensterhandling gerne verschmerzen.
Gut ist der Umgang mit externen Links gelöst: klickt man in der Anwendung auf einen solchen, wird dieser im "normalen" Browserfenster geöffnet. So soll es sein, hat er doch meist nichts mehr mit der Webanwendung zu tun.
Falsch ist es sicherlich, nun inflationär für jede Website ein eigenes Anwendungssymbol auf dem PC anzulegen. Aber für einige ausgewählte Applikationen im Web macht Prism schon Sinn, gerade bei Netz-Hyperaktivisten. Bei welchen Anwendungen die geschilderten Vorteile überwiegen, muss jeder für sich selbst ausprobieren.
Jetzt mit Unterstützung für Firefox 3.6
Lange Zeit war es ruhig um Mozilla Prism und man hielt das Projekt bereits für tot. Seit Neuestem (Q1 2010) gibt es jedoch endlich eine aktualiserte Version mit vielen Bugfixes und Unterstützung für den aktuellen Firefox 3.6. Es spricht also nichts dageben, das Tool einfach einmal auszuprobieren. Es dauert nur wenige Minuten und ist wie gesagt ohne große Eingriffe in das System verbunden.
Zusätzliches Firefox Add-On verfügbar
Zusätzlich zum Kernprodukt Prism gibt es noch ein kleines Firefox Add-On, mit dem man direkt aus Firefox heraus Prism-Verknüpfungen erzeugen kann. Das macht die Sache natürlich noch komfortabler. Man kommt aber auch ohne aus.
Download und Links
So, als erster Bericht sollte das erst einmal genügen, denke ich. Probieren geht ja bekanntlich eh über Studieren. 